»Von Responsive zu Live – Die Rolle der Typografie im Internet der Dinge«

Marlene Rudolph


Einleitung

Das Internet der Dinge (Internet of Things – IoT) wird im Alltag immer bedeutender. Experten gehen davon aus, dass das IoT bald wichtiger sein wird als das Web. Viele smarte Geräte sind untereinander vernetzt und können dadurch selbsttätig im Hintergrund Aktionen auslösen. Dabei kommunizieren sie oft gar nicht mehr direkt mit dem Nutzer. Diese Arbeit geht deshalb der Frage nach, welche Rolle geschriebene Kommunikation und damit Typografie im IoT noch spielt.

Es soll aufgezeigt werden, welche Bedeutung Typografie im IoT besitzt und wo sie darin zu finden ist. Es werden Herausforderungen der Anwendung von Schrift im IoT erläutert und Lösungsansätze geschildert. Reicht responsive Typografie für das IoT aus oder muss Schrift noch dynamischer werden? Wie kann sie sich weiter entwickeln? DieseMasterarbeit trägt erstmals den Stand der Typografie im IoT zusammen und setzt damit einen Anfangspunkt für die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema. Typografen und Designern werden darin aktuelle Tendenzen dargestellt, um nachfolgend verschiedene mögliche Szenarien für die künftige Entwicklung aufzuzeigen.

Hierbei werden ausschließlich die für Typografie relevanten Bereiche betrachtet. Es soll nicht der Eindruck entstehen, das IoT sei auf diese Themen beschränkt. Das IoT ist riesig und entwickelt sich stetig weiter. Augmented und Virtual Reality können aufgrund der fluiden Definition zwar zum IoT hinzugezählt werden, werden in dieser Arbeit aber nicht betrachtet, da sie ein weiteres sehr komplexes Feld öffnen.

Es werden namhafte Experten aus den Bereichen Typografie, Webtypografie, Design, Webentwicklung und Internet of Things befragt. Diese Experten geben aus verschiedenen Blickrichtungen einen aktuellen und praxisnahen Einblick in die neuesten Erkenntnisse von Schrift im IoT. Die Experteninterviews selbst und deren Auswertung stehen ergänzend zu dieser Thesis im beiliegenden Recherchebuch zur Verfügung. Eine umfassende Betrachtung und die ausführliche Beschäftigung mit dem Thema IoT aus der Sicht der Typografie ermöglichen einen tiefen Einblick in neueste Technologien und Fragestellungen.

Im ersten Kapitel (04) wird zunächst auf die wesentlichen Grundlagen des Webdesign und digitaler Typografie eingegangen. Dabei wird erklärt, wie das Web entstand und wie die ersten Schriften darin aussahen. Responsive Design, momentan der wichtigste Begriff im Webdesign, wird erläutert. Weiterhin wird die neueste Schrift-Technologie (Variable Fonts) vorgestellt und aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Ihre Vorzüge und Nachteile werden genauso geschildert wie deren Bedeutung für das IoT. Im zweiten Teil des ersten Kapitels werden nach der Definition des Internet of Things dessen Teilbereiche genauer beleuchtet.

Die Zusammenhänge der beiden vorgestellten Themen werden im zweiten Kapitel (05 – »Typografie im Internet of Things«) besprochen. Darin wird zunächst gezeigt, wo Schrift im IoT zu finden ist und welche Herausforderungen bei der Verwendung von Schrift im IoT auftauchen können. Welche Bedeutung hat Typografie im IoT und welche Rolle können dabei Variable Fonts spielen? Können Typografen diese komplexe Technik noch völlig überblicken?

Während der Recherche entstanden eine Reihe von Zeichnungen, die skizzenhaft Aspekte und Möglichkeiten anreißen. Die wichtigsten dieser Ideen werden im gesonderten Heft »Ideensammlung: Typografie im Internet der Dinge« ausgeführt und weiter entwickelt. Die Breite der möglichen Anwendungen mit Schrift für das IoT wird hierin dargelegt und neue Ideen, wie Typografie auf bestimmte Herausforderungen reagieren kann, werden aufgezeigt.


Fazit

Diese Arbeit zeigt, dass Schrift im Internet of Things in zahlreichen Bereichen eine bedeutende Rolle spielt und diese behalten wird. Auch wenn manche »smarten Dinge« nicht schriftlich kommunizieren, wird die Bedeutung von Schrift im IoT erhalten bleiben.

Die Besonderheit im IoT ist, dass viele neue Medien hinzukommen, die zusätzlich zum (Smartphone-)Bildschirm neue Anforderungen an Schrift stellen. Schon im heute gängigen »Responsive Webdesign« muss damit umgegangen werden, dass der Designer das endgültige Anzeige-Medium oftmals nicht kennt. Im IoT verstärkt sich dieses Problem noch, da das Internet auf die reale Welt (»Internet of Everything«) ausgedehnt wird. Es müssen neue, flexible Systeme entwickelt werden, mit denen Interfaces und die Schriften selbst auf diese Herausforderung reagieren können.

Diese Arbeit zeigt, dass besonders in komplexen Interfaces Typografie weiterhin die Hauptrolle spielen wird, da leise und eindeutige Kommunikation nur mit Schrift möglich ist. Diese Interfaces bestehen zum Großteil aus Typografie. Im IoT kann letztlich jedes »Ding« mit einem Interface ausgestattet werden, um es »smart« zu machen.

Kleine Displays, wenig Speicherplatz und geringe Auflösung sind Herausforderungen für Schrift, die im IoT verstärkt auftreten, da die smarten Geräte oft preiswerte Hardware besitzen. Hierfür gibt es schon gute typografische Lösungen, wie »Optische Größen«. Doch kommen in der tieferen Beschäftigung mit dem Thema neue Herausforderungen hinzu: Multiscreen-Anwendungen haben z. B. das Problem, dass Schrift auf unterschiedlichen Screens oftmals anders wirkt (Retina / Non-Retina). Schrift muss aber auf allen Geräten gleich aussehen, um beispielsweise das Erscheinungsbild einer Marke konsequent zu repräsentieren. Im IoT kommen auch »Dinge« hinzu, die neben den gängigen Bildschirmen völlig neue Anzeige-Technologien beinhalten. Typografen muss hier Gehör geschenkt werden, um gute typografische Lösungen für sinnvolle, lesbare Interfaces unter diesen Bedingungen zu entwickeln.

Variable Fonts sind eine große neue technische Errungenschaft für das Webdesign. Zusätzlich zum responsiven Layout im Web, wird nun die Schrift selbst zum ersten Mal responsiv. Aber nicht nur für das Webdesign, gerade auch für das Interface-Design im IoT sind Variable Fonts bedeutend. Sie sind ein innovativer und zukunftsfähiger Ansatz, um das Problem des Reagierens auf verschiedenste äußere Umstände zu lösen.

Mit Variable Fonts wird die Typografie dynamischer. Dies ist besonders im IoT notwendig, weil es fluider ist als das Web. Ein Beispiel für das Reagieren auf äußere Umstände sind die »Optische-Größe-Achsen«. Mit Variable Fonts ist es zum ersten Mal möglich, Optische Größen nahtlos zu interpolieren, statt sie wie vorher schrittweise (meist in zwei Schritten: aus / an) anzupassen.

Eine Idee, die in dieser Arbeit entsteht, ist die der »Smarten Schriften«. Sie beschreibt, dass Schriften in Zukunft (mit Hilfe von Code) auf Sensoren reagieren könnten. Variable Fonts, mit der nötigen Software verknüpft, könnten dann völlig neue Design-Achsen enthalten, deren Parameter über verschiedenste Sensoren gemessen werden. In Zukunft wird alles fluide, live und dynamisch. Variable Fonts sind die Weiterentwicklung von responsivem Design und machen die Schrift ebenfalls »live«, also in Echtzeit anpassbar. Eine »Smarte Schrift« könnte sich somit dynamisch anpassen, sogar an neue äußere Faktoren, was momentan noch nicht im Vordergrund steht.

Das IoT wächst rasant und stellt die Typografie immer wieder vor neue Herausforderungen. Diese können nur bewältigt werden, wenn Typografen auch bereit sind, neue technische Entwicklungen zeitnah auszutesten. Durch die immense Komplexität können Typografen dies aber kaum noch alleine bewältigen. Typografen, Designer und Entwickler sind aufeinander angewiesen, da die Schriften und deren Anwendung einerseits immer mehr Software enthalten. Andererseits spezialisieren sich Entwickler immer mehr, sodass typografische Feinheiten nicht unbedingt in deren Fokus stehen. Interdisziplinäres Arbeiten ist deshalb die Zukunft. Nur auf diese Weise können gute Anwendungen entstehen, die als Prototyp andere Interessierte wiederum zu neuen Ideen anregen.

Aus heutiger Sicht ist noch nicht abzusehen, wie groß die jeweilige Rolle von Sprache, Symbolen und Typografie im IoT sein wird. Da die Anwendungsbereiche im IoT so vielfältig sind und in nahezu alle Lebensbereiche Einzug halten, ist jedoch sicher, dass das IoT nicht ohne Schrift auskommen wird. Typografie und IoT erfahren parallel eine ständige Weiterentwicklung durch neue Technologien und Ideen. Diese Arbeit kann daher nur eine Momentaufnahme abbilden und versuchen, in die Zukunft zu schauen. Sie ist außerdem eine Zusammenfassung und ein Startpunkt für vertiefende Beschäftigung mit Unterthemen, wie barrierefreie Interfaces. Sie soll Typografen Anstoß geben, sich mit neuen Technologien zu beschäftigen und sich im IoT einzubringen. Um weiter zukunftsfähig zu bleiben, darf Typografie die technischen Entwicklungen nicht außer Acht lassen und muss sich selbst immer wieder neu entdecken.

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